Geschichte der japanischen Teekeramik

Teekannen und -geschirr 

Geschichte der japanischen Teekeramik

Die Teekeramik Japans ist eng mit der Entwicklung der Zubereitung des Tees, der Brenn- und Glasurtechnik, dem Ton und dem Einfluss Chinas und Koreas verknüpft.

Teekeramik Japans: Kunst und Handwerk zugleich (geijutsu)

Die Teekeramik Japans schaut auf eine extrem lange und facettenreiche Geschichte zurück. Sie ist dabei vor allem auf der Grundlage des besonderen Tonvorkommens des Landes (vulkanischen Aktivitäten), dem wesentlichen Einfluss koreanischer Meister aus den Keramikfeldzügen, den von den Fürsten unterhaltenen Öfen und der Ästhetik und Philosophie der Teezeremonie (jap. chadō, 茶道) entstanden. Die extreme Verfeinerung und Vervollkommnung des Teegeschirrs fand vor allem im 16. Jahrhundert mit den berühmten Teemeistern ihren Höhepunkt. Noch heute existieren in Japan über 70 wichtige Zentren der Keramik.

Für den Tee spielen bis heute vor allem Raku-Yaki (Matcha-Schalen) sowie die Kyusus aus Tokoname (japanische Seitengriffkannen aus Ton der Region Tokoname) eine führende Rolle. In Japan gelten Handwerk und Kunst als gleichberechtigte Disziplinen (Bildende und Darstellende Künste = geijetsu), was die höchste Eleganz und Qualität der Teekeramik erklärt.

Entstehung der japanischen Teekeramik

Die Geschichte des Tees in Japan lässt sich auf etwa das 8. Jahrhundert n.Chr. zurückverfolgen. Der grüne Tee wurde durch den religiösen und höfischen Austausch von Zen-Buddhisten erstmals aus China nach Japan eingeführt. Zu Beginn wurde er mehr aus medizinischen, denn aus Genuss-Gründen verzehrt. Die verwendeten Gefäße waren eher einfach gehalten (unglasiertes, einfaches Steinzeug für den Alltagsgebrauch) und die Teeblätter wurden im gusseisernen Wasserkessel meist zusammen mit anderen Nahrungsmitteln, wie z.B. Zwiebeln und Kräuter, gekocht.

Integration des Tees in die höfische Kultur

Dies änderte sich jedoch stark durch die Integration des Tees in die Kultur des Hofes und des Adels vor allem ab dem 14. Jahrhundert. Edle Teezusammenkünfte und Teewettstreite der reichen, adeligen Kriegerkaste verlangten nach feinen und eleganten Utensilien für die Zubereitung. Zudem wurde aus China das Vermahlen des Tees zu feinem Pulver (Matcha) anstelle des Kochens der Teeblätter übernommen. Der sich verbreitende Zen-Buddhismus und die durch ihn inspirierten Künste schürte das Verlangen nach verfeinerten und symbolträchtigen Tee-Gefäßen. Bevorzugt wurden die kunstvollen Gefäße aus Porzellan und Lack aus China (karamono) und insbesondere die Seladon-Keramik, so dass viele Öfen Japans letztere imitierten. Waren die sehr begrenzt verfügbaren chinesischen Keramiken der obersten Schicht des Adels vorbehalten, griffen die unteren Adelsschichten vor allem auf Waren aus dem Seto-Ofen mit grüner Ascheglasur zurück.

Einfluss der Teezeremonie auf die Tee-Keramik (ab 15. Jhdt.)

Dem gehobenen Adel und vor allem den großen Feldherren und ihren Lokalfürsten dienten berühmte Teemeister, die eine eigene Teezeremonie entwickelten und immer weiter verfeinerten. Sie nahmen maßgeblichen Einfluss auf die Gestaltung der Keramik und arbeiteten eng mit den Keramikmeistern der bekannten Öfen zusammen, um spezielle Tee-Utensilien zu entwickeln. Die Teeschale (Matcha-Schale, chawan), die Raku-Technik, lackierte Teedosen (natsume) und Wassergefäße, Geschirr und vieles mehr wurden eingeführt oder neu interpretiert. Die Fürsten waren häufig Anhänger der Teezeremonie und richteten eigene Öfen ein (hanyô, goyôgama) aus denen sie die besten Stücke selbst bezogen. Dadurch entwickelten sich lokale eigene Stile, Brenntechniken und Fertigungsverfahren. Die jeweiligen Keramikmeister entwickelten so ein hohes gesellschaftliches und künstlerisches Ansehen. Im 15. Jahrhundert bildete sich zudem eine reiche Kaufmannsschicht heraus, die sich ebenfalls stark für die Teezeremonie interessierte und entsprechende Tee-Keramiken und –Utensilien am Markt nachfragte.

Teemeister verfeinern die Teekeramik (Wabi-Ästhetik, 16. Jhdt.)

In dieser Zeit und besonders im 16. Jahrhundert verfeinerten herausragende Teemeister, vor allem Murata Shukô (1422-1502), Takeno Jôô (1502-1555) und der verehrte Sen no Rikyû (1522-1555), die Teezeremonie zum Teeweg (châdo) mit herausragender Schlichtheit und schöner Einfachheit (Wabi-Ästhetik). Gemäß Sen no Rikyû verfügte ein edles gebrauchtes und schlichtes Teeutensil über eine besondere Ästhetik und Wertschätzung. Entsprechend stark wurde das Kunsthandwerk der japanischen Keramik in diese Richtung beeinflusst und weist bis heute die unnachahmlich schöne Wabi-Ästhetik auf. Dazu zählen sichtbare Spuren der Handarbeit, Ausdruck eines genutzten Gegenstands, Schlichtheit und Symbolhaftigkeit sowie die vier wesentlichen Begriffe „Harmonie, Respekt, Reinheit und Stille“ (wakeiseijaku).

Teemeister Furuta Oribe entwickelte 1624 einen ganz neuen Keramikstil namens oribe-yaki und durch Kobori Enshû wurden die seiner Ansicht nach sechs besten Öfen für die Zwecke seiner Teekeramik gefördert. Die Öfen Agano, Akahada, Asahi, Kosobe, Shitoreo und Takatori erhielten so die Bezeichnung „Enshû nana gama Agano“. Auch ist es den alten Teemeistern zu verdanken, dass die schlichten unglasierten Steinkeramiken der großen Öfen Bizen, Tokoname und Shigaraki sowie Iga (Ascheanflugglasur) weiter erhalten und verfeinert wurden (vgl. 1, S. 18).

Durch technische Verbesserungen der Keramik-Öfen (vergrößerte Öfen, ôgama) konnte die Produktion erheblich gesteigert und somit der Marktzugang für eine breitere Bevölkerungsschicht geschaffen werden.

Hideyoshi und die Keramikfeldzüge

Unter dem Kanzler Toyotomo Hideyoshi (1537-1598, jap.: 豊臣 秀吉) erfuhr Japan nach langen Kriegszeiten eine politische Einigung. Hideyoshi wurde zwar vom Kaiser nie als Shôgun ernannt, besaß aber größte Macht und Ansehen. Er war ein großer Anhänger der Teezeremonie und förderte sie in besonderem Masse. Als Teemeister diente ihm niemand weniger als der verehrte Sen no Rikyû, der später aber leider nach politischen Intrigen von Hideyoshi zum Selbstmord angehalten wurde. Hideyoshis Expansionsdrang folgend führte Japan 1592 und 1597 Feldzüge gegen Korea, die zwar militärisch scheiterten, aber für die Entwicklung der Keramik großen Einfluss mit sich brachten. Er ließ etwa 800 koreanische Töpfer und Spezialisten nach Japan verschleppen und siedelte sie vor allem in Kyûshû (Südinsel) und in Hagi (Hauptinsel Honshû) an. Das koreanische Töpferhandwerk war zu dieser Zeit hoch angesehen und in vielen Bereichen dem japanischen Handwerk voraus. So brachten die sogenannten „Keramikfeldzüge“ wesentliche Innovationen ins Land, wie die Fußdrehscheibe, neue Glasur- und Dekorationstechniken und den überlegenen Mehrkammer-Hangofen (noborigama), der durch eine bessere Flammenführung die Reproduktionsfähigkeit erhöhte (vgl. 1, S. 17).

Raku, Hagi und Karatsu gelten als beste Keramik für die Teezeremonie (Matcha)

Vor allem die Keramikzentren Karatsu und Hagi wurden durch koreanischen Einfluss gegründet. Seit dieser Blüte der japanischen Teekeramik steht das Ansehen der Raku-Keramik bis heute in den Augen der Anhänger der Teezeremonie (Genuss des Teepulvers Matcha) an erster Stelle, gefolgt von Hagi– und Karatsu-Yaki: „ichiraku nihagi sangaratsu“ (vgl. 1, S. 18).

Einführung des Teeaufgusses und neuer Teekannen (Kyusu) im 17. Jhdt.

Aus China wurde im 17. Jahrhundert eine neue bzw. neben dem Teepulver der Teezeremonie zusätzliche Zubereitungsmethode des grünen Tees eingeführt, nämlich das Aufbrühen der Teeblätter, so wie der Tee auch heute noch zubereitet wird. Zu diesem Zweck war ebenfalls in China eine spezielle Teekanne mit einem Seitengriff (jap.: 茶瓶 Chabin) erfunden worden, die dann auf meisterhafte Weise als sogenannte Kyusu (jap.: 急須) in Japan eine eigene Weiterentwicklung genoss. Mehr Details finden sich im Beitrag Geschichte des grünen Tees in Japan.

Tokoname Keramik für Kyusus am angesehensten

Für die japanischen Teekannen aus Ton gilt bis heute Tokoname als angesehenster und größter der „sechs alten Öfen“. Aber auch vor allem Yokkaichi Banko sowie BizenShigaraki und Mumyoi sowie viele weitere Öfen spielen für die unterschiedlichen Grünteesorten eine wichtige Rolle. Jeder Ton besitzt eine spezifische mineralische Zusammensetzung und passt so besser oder weniger gut zu einer Teesorte. Siehe dazu den Beitrag Kyusu – japanische Seitengriffkanne.

Porzellan in Japan (17. Jhdt.)

Zu Beginn des 17. Jdt. etwa gelang es wiederum koreanischen Töpfermeistern erstes Weichporzellan in Japan herzustellen. Die Porzellanmanufaktur im Lande entwickelte sich wegen der großen Nachfrage äußerst schnell. Durch Übernahme chinesischer Glasurtechniken konnten später auch mehrfarbige und nicht nur weiß blaue Gefäße produziert werden. Als besonders hervorzuhebender Ofen gilt Arita und seinem Umland Hizen (Kyûshû). Hier wurden die für die Herstellung notwendigen Rohstoffe zuerst gefunden und das erste Porzellan in Japan hergestellt. Weitere wichtige Öfen waren Hasami und Mikawachi. Der Bedarf an reich verziertem Teegeschirr wurde Mitte des 17. Jahrhunderts durch aufglasurdekoriertes Steinzeug entsprochen. Am berühmtesten galt die Region Kyôto mit den Meistern Nonomura Ninsei und Ogata Kenzan. Diese beeinflussten ganz Japan und bildeten viele andere Meister aus. Heute steht in dieser Tradition noch das Kyoto-Porzellan shiro-Satsuma und Inuyama-yaki (vgl. 1, S. 18).

Im Laufe der nächsten zwei Jahrhunderte verdrängte Porzellan immer mehr das unglasierte Steinzeug in der Gebrauchskeramik, so dass auch neue Zentren entstanden: u.a. Tobe (1777), Kiyomizu in Kyoto (1781), Aizu-Hongo (1800), Seto (1807) und zuletzt Shibukusa (1878). Auf Teekeramik spezialisierte Öfen sind aber bis heute erhalten und fertigen weiterhin hochwertigste Qualität.

Meiji-Restauration und Niedergang des Kunsthandwerks im 19. Jhdt

Im 19. Jahrhundert ergaben sich dramatische politische und kulturelle Veränderungen in Japan. Das Feudalsystem wurde nach langen Unruhen und militärischen Auseinandersetzungen in der sog. Meiji-Restauration abgeschafft (Wiedereinsetzung des Kaisers und Abschaffung des Shogunats sowie der Kriegerkaste). Den sogenannten Fürstenöfen kam die Grundlage ihrer Existenz abhanden, das traditionelle Kunsthandwerk erlitt einen entsprechenden Niedergang. Japan wurde zwangsweise für das Ausland geöffnet. Die Industrialisierung setzte auch im Keramikbereich schnell ein, was die alten Öfen und kleinen Manufakturen mit neuen Brenn- und Fertigungstechniken sowie neuen Tonmischungen in Fabriken nach westlichem Vorbild unter Druck setzte. Dadurch gaben zahlreiche Meister auf und deren wertvolles Know-how ging verloren. Auf der anderen Seite nutzte die Keramikindustrie große Exportchancen in die USA und Europa, jedoch mit deutlich geringerer Qualität und Schönheit, als dies zuvor der Fall war. Ein weiterer interessanter Aspekt war die Schaffung der freien Berufswahl durch die Meiji-Restauration. Erstmals konnten Keramiker aus den großen Öfen ausscheren und selbständig eigenen Vorstellungen nachgehen. Dies schuf die Grundlage der heutigen Studiotöpfer.

Erhalt des Keramik-Kunsthandwerks im 20. Jhdt.

Das die große Tradition der Teekeramik Japans eine Renaissance im 20. Jahrhundert erlebte, ist auf mehrere Faktoren zurückzuführen. Die Gründung der Volkskunstbewegung (Mingei) durch den Philosophen Yanagi Sôetsu im Jahre 1926 zur Wiederbelebung der alten verfeinerten Handwerksdisziplinen, wie die Teekeramik, Metallarbeiten, Lackarbeiten, Papierherstellung, Kalligraphie uvm., war einer der wichtigsten Pfeiler hierbei und mobilisierte eine breite Nachfrage in der Bevölkerung. Außerdem ergab sich eine Wiederbelebung der Zusammenarbeit zwischen den Teemeistern und den Keramikmeistern, die neue und frische Impulse in die Keramiken brachte. Die Techniken und Stile wurden vielfach weiter entwickelt. Auch die sehr erfolgreichen archäologischen Ausgrabungen alter wunderschöner Keramiken nach dem Zweiten Weltkrieg steigerte das Interesse. Und nicht zuletzt führte ein Umdenken des japanischen Staats zu einer Reihe von Maßnahmen und Gesetzen zum Schutz der Kulturdenkmäler, dass die Teekeramik auch von offizieller Seite entsprechend Wertschätzung fand.

Die Entstehung der Studiotöpfer in Japan

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden durch die freie Berufswahl unabhängige Studiotöpfer mit einem Zentrum in Kyôto. Diese konnten ihrem künstlerischem Ansatz erstmals freien Ausdruck verschaffen. Das Objekt als Kunst und nicht als Funktion wurde in den Vordergrund gerückt. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnten zum ersten Mal auch Frauen den Beruf des Keramikers und Studiotöpfers ausüben.

Lebender Nationalschatz Keramik

Besonders hervorzuheben ist die Auszeichnung „Lebender Nationalschatz – Keramik“ (ningen kokuhô, Jap.: 人間国宝) für die herausragendsten Kunsthandwerker Japans. Eine entsprechende Liste der Auszeichnungen für einzelne Künstler und für Gruppen wird jedes Jahr neu veröffentlicht und umfasste in den Jahren 1955 bis 2013 insgesamt 34 Keramikkünstler.

Teekeramik der japanischen Gegenwart

Die meisten angesehenen Teekeramiker Japans bewahren die lange Tradition und Handwerksstile der Vergangenheit, aber entwickeln sie zugleich unter dem Einfluss globaler Strömungen weiter. Nicht nur künstlerisch, sondern auch funktional wird an die alten bewährten Arbeiten sowie an die Teezeremonie und andere Bereiche der Kultur angeknüpft. Wie auch in der Vergangenheit stehen die verschiedenen Brenn- und Glasurtechniken und die Tonmischung im Vordergrund.

Jedoch nur wenige sehr idealistische Künstler, wie z.B. der junge Gafuu Itoh aus Tokoname, legen sogar größten Wert auf die Herstellung eines eigenen völlig naturreinen Tons ohne Zusätze. Diese jungen Künstler erhalten derzeit viel Beispruch aus dem Kreis der Teegeniesser, haben aber angesichts des sehr hohen Fertigungsaufwands und der schwierigen Wirtschaftslage in Japan durchaus Probleme, mit ihren hohen Qualitätsstandards wirtschaftlich zu arbeiten. 

Quellen:

1 Crueger, Anneliese; Crueger, Wulf: Wege zur japanischen Keramik,  2. Auflage, Ernst Wasmuth Verlag, 2012




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